„Es muss bezahlbaren Wohnraum geben, gerade in Ballungsräumen.“

Judith Rakers spricht die Hauptausgabe der Tagesschau, ist Gastgeberin der Bremer Talkshow 3nach9 und hat u.a. den preisgekrönten Eurovision Song Contest aus Düsseldorf moderiert. Im Gespräch mit dem Engagementpreis-Team berichtet sie von ihrem Selbstversuch, dreißig Stunden lang obdachlos zu leben.

Frau Rakers, Sie haben für eine Reportage dreißig Stunden lang selber obdachlos gelebt. Warum?

Judith Rakers: Die Gründe dafür liegen fast 20 Jahre zurück: Als ich nach dem Abitur mein erstes Praktikum bei einer Tageszeitung machte, schickte mich der Redaktionsleiter los, um kleine, nette Geschichten auf dem Paderborner Stadtfest aufzutun - Sprüche auf Lebkuchenherzen und ähnliches. Ich kam mit der Idee zurück in die Redaktion, ein Porträt über einen Obdachlosen zu schreiben, der mir in der Stadt aufgefallen war. Drei Tage später stand meine Geschichte über den Berber „Heinz“ und seinen Hund „Fräulein“ im Blatt und seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen: Ich engagiere mich deshalb schon seit vielen Jahren bei Hamburgs Obdachlosen-Zeitschrift „Hinz und Kunzt“ und sammle Geld für ein Haus, in dem Obdachlose Zuflucht finden sollen. In den ganzen Jahren ist mir immer wieder aufgefallen, dass obdachlose Frauen es auf der Straße besonders schwer haben und dass so wenig bekannt ist über ihr Schicksal und die Probleme, mit denen sie jeden Tag kämpfen müssen. So reifte die Idee, eine Reportage über ihre Lebenssituation zu machen. Der Selbstversuch war dann mein Mittel, Augenhöhe herzustellen zwischen mir und den Frauen. Nah ranzukommen und die richtigen Fragen zu stellen.

Was war die härteste Erfahrung?

Judith Rakers: Es gab in diesen 30 Stunden sehr viele harte Erfahrungen. Erschütternd war, dass so wenig Passanten bereit waren, zu helfen, als ich um Hilfe bat. Und besonders hart war die Nacht unter der Brücke. Gar nicht wegen der Kälte bei Minusgraden, sondern weil die obdachlose Ricky mir dort riet, meinen Schlafsack nicht mit dem Reißverschluss zu schließen, weil man „dann nicht schnell genug rauskommt, wenn ihn jemand anzündet“. Diese allgegenwärtige Gewalt, die Erzählungen der Frauen über Vergewaltigungen und Misshandlungen waren mehr als schockierend. Und der Fakt, dass so viele Autofahrer, die an uns vorbeifuhren, in der Nacht hupten, nur um uns zu stören, lässt mich wirklich zweifeln an unserer Zivil-Gesellschaft.

Und was die schönste?

Judith Rakers: Zu erleben, wie groß die Hilfsbereitschaft unter den Obdachlosen ist. Ich habe hier Wärme gespürt, obwohl alles um uns herum kalt war.

Wie authentisch war das Experiment?

Judith Rakers: Mein Selbstversuch konnte natürlich nur annähernd zeigen, wie es tatsächlich ist, obdachlos zu sein. Ich war nur 30 Stunden auf der Straße – es ist etwas völlig anderes, wenn man diesem Leben Wochen, Monate und Jahre ausgeliefert ist. Die Langzeitfolgen eines solchen Lebens habe ich nicht am eigenen Leib spüren können. Aber der Selbstversuch hat es mir ermöglicht, in einen authentischen Kontakt mit betroffenen Frauen zu kommen, die über dieses jahrelange Leben berichten konnten. Und die Zuschauerzuschriften haben gezeigt, dass der Film Verständnis schaffen konnte: eine kleine Brücke zwischen den Welten. Das war mein Ziel bei diesem Experiment.

Hatten Sie keine Sorge, dass in Zeiten von Facebook und Twitter die ein oder andere Aufnahme gegen Sie für einen billigen Lacher missbraucht werden könnte?

Judith Rakers: Nein, darüber habe ich mir keine Sorgen gemacht. Das hätte ich auch ausgehalten. Kein Problem.

In der Reportage sprechen Sie besonders häufig mit obdachlosen Frauen. Warum interessiert Sie das Schicksal obdachloser Frauen besonders?

Judith Rakers: Ich wollte mit dem Film ganz explizit auf die Situation von obdachlosen Frauen aufmerksam machen, weil es hier eine so große Dunkelziffer gibt und weil obdachlose Frauen es noch schwerer haben auf der Straße, da sie oft Opfer von Gewalt werden – auch von sexueller Gewalt. Sie haben keinen Rückzugsort, keinen Platz, an dem sie sich geschützt fühlen können oder beschützt werden.

A propos „Schicksal“: Ist Obdachlosigkeit ein Schicksal?

Judith Rakers: Wenn man „Schicksal“ als eine Reihe von Begebenheiten definiert, die das Leben entscheidend beeinflussen, aber der eigenen Entscheidungsfreiheit entzogen sind, dann ist Obdachlosigkeit tatsächlich ein Schicksal. Ich habe bei meinen Recherchen niemanden gefunden, der sich wirklich aus voller Überzeugungskraft für ein Leben auf der Straße ENTSCHIEDEN hat. Es sind fast immer dramatische und traurige Umstände, die in die Wohnungslosigkeit und in den dann folgenden Teufelskreis führen.

Kann es wirklich jeden treffen?

Judith Rakers: Ja, davon bin ich überzeugt. Wenn einige unglückliche Faktoren zusammenkommen – ein Schicksalsschlag zum Beispiel, der eine psychische Erkrankung oder Drogensucht auslöst, ist der erste Schritt schon passiert. Wenn man dann niemanden hat, der einen auffängt, dann ist der soziale Abstieg näher, als man glaubt.

Kann auch jede und jeder dem Teufelskreis Obdachlosigkeit wieder entkommen?

Judith Rakers: Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass es ist viel schwerer ist, hier wieder hinauszukommen, als hineinzugeraten.

Woran scheitert es, der Obdachlosigkeit zu entfliehen?

Judith Rakers: An den unterschiedlichsten Faktoren: fehlender bezahlbarer Wohnraum, unüberwindbare Süchte, Erkrankungen, fehlendes Umfeld. Bürokratische Hürden. Oft ist es ein ganzes Potpourri von Gründen, die im Einzelfall das „Schicksal Obdachlos“ besiegeln.

Und was müsste passieren, damit weniger Menschen in Gefahr geraten, obdachlos zu werden?

Judith Rakers: Es muss bezahlbaren Wohnraum geben, gerade in Ballungsräumen. Es muss Projekte geben, die obdachlose Menschen auffangen und sie so annehmen, wie sie sind. Es muss mehr sozialen Zusammenhalt geben und mehr Interesse am Schicksal des Anderen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie lautete er?

Judith Rakers: Das alle ihren Nächsten so lieben, wie sich selbst. Ich bin nicht sehr religiös, aber dieser Satz bringt es wirklich auf den Punkt.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Rakers! Viel Erfolg für Ihr Engagement!

Das Interview führte Markus Pins.

NDR-Reportage "Schicksal obdachlos" von Judith Rakers:

Oder in der ARD Mediathek

Weitere Informationen zu den Preisträgerinnen und Preisträgern 2013 - u.a. zur Obdachlosen-Initiative querstadtein:

Engagementpreis-2013

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